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Rochade (Soziales Ornament)

Intervention in den öffentlichen Raum (Projekt). Reduzierung einer Bodenschachanlage von 8x8 auf 7x7 Felder durch Entfernung bzw. Verschiebung vorhandener schwarzer und grauer Steinplatten à 40 x 40 cm und Neuverlegung hellgrauer Platten à 35 x 35 cm. Gesamtgröße 280 x 280 cm (München-Neuperlach, Wohnanlage am Gerhart-Hauptmann-Ring).

Der Münchner Stadtteil Neuperlach, das größte deutsche Städtebauprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg und gleichzeitig Münchens erste Trabantenstadt (seit 1961 geplant) ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihren Dimensionen und in ihrem Anspruch. „Im Verlauf der Geschichte“, schreibt Alexander Mitscherlich, Psychologe, Städtebaukritiker und Berater der Perlach-Planer, „war noch nie die Aufgabe gestellt, in womöglich nicht einmal einem Jahrzehnt 80.000 Menschen an einem Ort ein Unterkommen zu schaffen, auf der grünen Wiese mit einem Schlag 23.000 Wohnungen, eine Stadt, zu erstellen.“ An der Münchner Peripherie erhoffte man sich nicht nur eine Antwort auf die drastische Wohnungsnot dieser Zeit, sondern auch einen Schritt in die Zukunft eines modernen, vorwärtsgewandten, humanen Städtebaus. Ziel der Konzeption war ein „echt städtisches Leben in urbaner Atmosphäre“; keine neue Schlafstadt sollte entstehen, vielmehr eine Integration von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur und Sport gelingen. Nach den Sünden des anti-urbanen Siedlungsbaus der 1950er-Jahre hoffte man, daß mit Neuperlach endlich die Wende zur „Stadt der Zukunft“ (Neue Heimat) eingeläutet würde. „Der feine explosive Reiz von Mensch und Stadt und Stein [...] trocknet bei uns ein“, bemerkte Eberhard Schulz 1968 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; „Perlach ist wieder ein Versuch, es durch Architektur noch einmal zu erzwingen.“ Heute gilt Neuperlach als Synonym für einen Städtebau, der an seinen eigenen, übergroßen Ansprüchen gescheitert ist, weil sich der Glaube an die mechanische Planbarkeit des Städtischen als falsch erwiesen hat.

Im Kleinen entspricht der Vorstellung einer behördlich verordneten Urbanität die Ausstattung des öffentlichen Raumes mit zeittypischem Kommunikationserzwingungsmobiliar: Pergolen, Grillplätze, Miniatur-Freiluftarenen, Kioske und Sitzgelegenheiten verschiedenster Form oder, wie in diesem Fall, eine Bodenschachanlage markieren Orte, die als nachbarschaftliche Treffpunkte konzipiert sind, tatsächlich aber kaum jemals als solche angenommen werden; das eigentliche Leben entfaltet sich – wenn überhaupt – ungeplant an nicht vorgesehenen Stellen des Quartieres. Von dieser Feststellung aus ist das vorgestellte Projekt entwickelt: die Schachanlage ist zwar als sozialer Ort des Austausches und des Gesprächs gedacht, bleibt in Wirklichkeit aber vollkommen ungenutzt und wird zum bloßen Ornament. Durch die tatsächliche Reduzierung des Schachfeldes zum unbespielbaren Stadtdekor wird nun auch faktisch diese soziale Realität nachvollzogen und gleichzeitig auf die ähnlich gescheiterte Utopie des gesamten Stadtentwurfes verwiesen. Dabei ergibt sich die paradoxe Situation, daß das Werk seine Berechtigung nur behält, solange es unentdeckt bleibt, d.h. solange seine zugrundegelegte These, die Bodenschachanlage sei als Kommunikationsort an den Bedürfnissen der Bewohner vorbeigeplant, nicht durch den Versuch ihrer Benutzung widerlegt wird.  



Lage der geplanten Intervention im Münchner Stadtteil Neuperlach.
Ganz oben: Ansicht des gegenwärtigen Zustandes


Oben: Aufmessung des gegenwärtigen Zustandes der Bodenschachanlage
Unten: Vorschlag zur Reduzierung auf 49 Felder