Kunstautonomien. Ästhetik
der Theorie und Theorie der Ästhetik bei Luhmann und Bourdieu
Auf die Frage
nach dem Ort der Kunst ist man disparate Antworten gewohnt. Die
Tradition des l’art pour
l’art etwa versucht, das Künstlerische der Gesellschaft zu
entheben: als das selbstgenügsame Schöne, das seinen Daseinsgrund
in sich allein findet. Wem das als unbefriedigende Rückzugsposition
erscheint, definiert ästhetische Autonomie anders: als ein Freisein
von Zwecken, das die Kunst in der zweckhaften Banalität des Alltags
zum utopischen Gegenentwurf werden läßt; oder als die
Selbstsetzung eines Zwecks, der dann darin liegen kann, der
Gesellschaft von außen her einen kritischen Spiegel vorzuhalten.
Für Niklas
Luhmann und Pierre Bourdieu sind das falsche Alternativen. Als
Soziologen können sie nicht viel anfangen mit künstlerischen
Selbstbeschreibungen, die das Ästhetische jenseits
des Sozialen ansiedeln wollen. Sie bestehen vielmehr darauf, daß
Kunst eben durch ihre
Autonomie gesellschaftlich wird, weil noch im abstraktesten
Formenspiel des Kunstwerks immer auch ein Abdruck der sozialen
Wirklichkeit aufbewahrt ist. Darzustellen, wie antipodisch Luhmanns
Systemtheorie und Bourdieus Theorie sozialer Felder diese Prämisse
entfalten, ist Gegenstand der Dissertationsschrift.
Für Luhmann, so
zeigt die Arbeit, wiederholen sich allgemein-gesellschaftliche
Ordnungsstrukturen in der autonomen Ordnung des Kunstwerks; die
Freiheit der ästhetischen Form erhält mithin die soziale Funktion,
zum Gebrauch der eigenen Handlungsfreiheit zu ermutigen. Bourdieu
dagegen interessiert, wie sich soziale Machtverhältnisse und
Ungleichheiten in die Form des Kunstwerks einlagern, durch die Kraft
des schönen Scheins aber verschleiert und gerechtfertigt werden.
Luhmanns Idee einer sozialen Emanzipation durch
die Kunst findet sich bei Bourdieu deshalb durch die Forderung
ersetzt, gerade in der Emanzipation von
der Kunst gesellschaftliche Handlungsspielräume zu erkennen. Die
vorgelegte Analyse unternimmt es, diese Differenzen präzise
herauszuarbeiten – um sie doch gleichzeitig auf einen gemeinsamen
Vorrat frappierend ähnlicher Denkfiguren zurückzuführen.
Die
Kritik an beiden theoretischen Entwürfen freilich ist ebenso scharf
zu formulieren: man hat es hier wie dort
mit Kunstsoziologien zu tun, die ohne Kunst auszukommen
scheinen, die das Schöne als soziologische Lehrmittelsammlung und
als illustrierenden Beweis ihres je eigenen Gesellschaftsmodells
benutzten. Der Eigensinn des Kunstwerks, seiner Materialität,
seiner Körperlichkeit, seiner unmittelbaren Präsenz geht dabei
verloren. Wo aber intellektuelle Erkenntnis
von ästhetischer Erfahrung
abgetrennt wird, dort verkümmert auch die soziale Funktion des
Kunstwerks. Und die Frage müßte sein: was die Gesellschaft von
einer Kunst lernen kann, deren Werke sich nicht darin erschöpfen,
in ästhetische Form gebrachte Gesellschaftstheorie zu sein.
Volltext der Arbeit:


|