Neuperlach. Utopie
des Urbanen Leitbilder und Stadtbilder eines Experimentes der
1960er-Jahre
LMU-Publikationen,
Geschichts- und Kunstwissenschaften 19, 2007 (= Mag.-Arb. Univ.
München 2003)
Neuperlach, Münchens
erste Trabantenstadt - seit 1961 projektiert und zwischen 1968 und
1979 bis auf den erst in jüngerer Zeit vollendeten Südteil
fertiggestellt - ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihren
Dimensionen und in ihrem Anspruch. Das größte bundesdeutsche
Siedlungsprojekt war nicht nur als Antwort auf die drastische
Wohnungsnot dieser Zeit gedacht, sondern auch als Schritt in die
Zukunft eines modernen, vorwärtsgewandten, humanen Städtebaus in
der Tradition der historischen europäischen Stadt. Neuperlach steht
dabei an einem urbanistischen Wendepunkt. Es ist das Kind einer
Umbruchzeit, in der sich alte und neue städtebauliche Leitbilder
gegenüberstehen. Die noch immer wirksamen Ideologien der 1940er-
und 50er-Jahre nämlich waren gerade aus der Opposition zur
traditionellen Stadt heraus konzipiert worden. Besonders trifft dies
auf die organizistischen Leitbilder der "organischen
Stadt" (1948) und der "gegliederten und aufgelockerten
Stadt" (1957) zu, die der "Vermassung" der modernen
Stadt die "Entballung", der "Entartung des
Lebens" die Natürlichkeit der "Stadtlandschaft"
entgegenstellen wollten. Auch das funktionalistische Konzept der
Charta von Athen (1933) propagierte, wenn nicht keine, so doch eine
ganz andere Stadt als die bekannte und bezog ihre Legitimation aus
der behaupteten "Krankheit" der Stadt der Gegenwart. Gegen
die ideologischen Grundlagen dieser älteren Leitbilder formierte
sich Mitte der 1960er-Jahre erheblicher Widerstand von Seiten
derjenigen Kritiker und Stadtplaner, die den Wert gerade der großstädtischen
Lebensform wiederentdeckten. "Urbanität durch Dichte"
wurde zum Schlagwort und zur Forderung eines modernen Städtebaus.
Zwar entsprachen die Planungen Neuperlachs in ihrer prinzipiellen
Bejahung des Städtischen bereits seit 1961 diesen Vorstellungen -
zu einem Zeitpunkt, als sie noch kaum formuliert, geschweige denn
allgemein akzeptiert waren. Doch fehlte diesem in der Praxis noch völlig
unerprobten urbanen Stadtgedanken jegliches neue städtebauliche
Instrumentarium. In dieses Vakuum konnten die organizistischen, zum
Teil auch die funktionalistischen Leitbilder vorstoßen, die über
ein vollständig ausgearbeitetes Programm an städtebaulichen Lösungen
verfügten. Ihre Strukturvorstellungen und die mit ihnen verbundenen
gestalterischen Prämissen schoben sich in die Zwischenräume, die
das Konzept der ‚urbanen Stadt' offenließ. Ihre unreflektierte Präsenz
verlängerte die Ideologien der Vergangenheit in die Zukunft und ist
typisch für eine den Städtebau der 1960er-Jahre insgesamt prägende
Problemkonstellation: Der Widerspruch zwischen einer Renaissance des
Stadtgedankens, die sich im Glauben an die mechanische
Herstellbarkeit des Städtischen erschöpft, und der unbemerkten
Nachwirkung älterer, stadtfeindlicher Leitbilder lassen die
"Utopie des Urbanen" letztlich scheitern.
ausführliches
Exposé
 Die Arbeit wurde ausgezeichnet mit dem Heinrich-Wölfflin-Preis
2003 des Freundeskreises des Kunsthistorischen Institutes der
Universität München und einem Sonderpreis des
Theodor-Fischer-Preises 2004 des Zentralinstitutes für
Kunstgeschichte. Die Stadt München unterstützte die Arbeit durch
einen Ankauf.
 Volltext der Arbeit:
 ausführliches Exposé:



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