Neuperlach. Utopie
des Urbanen Leitbilder und Stadtbilder eines Experimentes der
1960er-Jahre
Münchens
erste Trabantenstadt – seit 1961 projektiert und zwischen 1968 und
1979 bis auf den erst in jüngerer Zeit vollendeten Südteil
fertiggestellt – ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihren
Dimensionen und in ihrem Anspruch. „Im Verlauf der Geschichte“,
schreibt Alexander Mitscherlich, Psychologe, Städtebaukritiker und
(wie auch Hans-Paul Bahrdt) Berater der Perlach-Planer, „war noch
nie die Aufgabe gestellt, in womöglich nicht einmal einem Jahrzehnt
80.000 Menschen an einem Ort ein Unterkommen zu schaffen, auf der grünen
Wiese mit einem Schlag 23.000 Wohnungen, eine Stadt, zu
erstellen.“ An der Münchner Peripherie erhoffte man sich nicht
nur eine Antwort auf die drastische Wohnungsnot dieser Zeit, sondern
auch einen Schritt in die Zukunft eines modernen, vorwärtsgewandten,
humanen Städtebaus.
Ziel
der Konzeption war ein „echt städtisches Leben in urbaner Atmosphäre“;
„keine neue Schlafstadt“ sollte entstehen, vielmehr eine
Integration von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur und Sport
gelingen. Dazu plante man ein „charakteristisches Stadtbild mit städtischen
Dimensionen“, eine „Stadtmitte, die anzuziehen und auszustrahlen
vermag“, eine „beherrschende Stadtkrone“ von „visueller Prägnanz
und Unverwechselbarkeit“ mit „Symbolkraft über den Stadtteil
hinaus“, berechnet auf ein Einzugsgebiet von etwa 400.000
Menschen. Trotz aller Fortschrittsgläubigkeit sah man sich bei den
Planungen aber dennoch in der Tradition der historischen europäischen
Stadt, die als Leitidee für das Projekt Pate stehen und garantieren
sollte, daß nach den Sünden des anti-urbanen Siedlungsbaus der
1950er-Jahre mit Neuperlach endlich die Wende zur „Stadt der
Zukunft“ (Neue Heimat) eingeläutet würde. „Der feine explosive
Reiz von Mensch und Stadt und Stein [...] trocknet bei uns ein“,
bemerkte Eberhard Schulz 1968 in der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung; „Perlach ist wieder ein Versuch, es durch Architektur
noch einmal zu erzwingen.“



Gliederung
Der
Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf einer Analyse der
Stadtstruktur; dem architektonisch-ästhetischen Bild Neuperlachs
kommt keine hauptsächliche Rolle zu, sofern es nicht Ausdruck
struktureller Festlegungen ist. Die lange Realisierungsdauer des
Stadtteiles setzte zudem eine zeitliche Grenze; denn mit seinen
neueren Bauabschnitten – seit 1972 geplant, aber erst in den
1980er-Jahren verwirklicht – berührt Neuperlach schon neue Phasen
des städtebaulichen Schaffens und Denkens, die mit der ursprünglichen
Stadtidee nur mehr den Namen gemeinsam haben.
Der
erste Teil der Arbeit bietet eine Analyse der städtebaulichen
Grundkonzeption und der Zusammenhänge mit den stadtübergreifenden
Rahmensetzungen. Hier steht die Frage nach dem Wollen der
Verantwortlichen im Mittelpunkt: welche Zielsetzungen verbinden sich
mit der Trabantenstadt Neuperlach, und mit welchen Mitteln sollen
sie erreicht werden? Der zweite Teil der Arbeit frägt nach der
ideologischen Basis der Planungen; es wird dargelegt, welche
urbanistischen Leitbilder in den aufgezeigten stadtstrukturellen und
städtebaulichen Strategien wirksam sind, aus welchen Quellen sie
stammen und welchen Stellenwert sie innerhalb des Neuperlacher
Stadtkonzeptes einnehmen. Beachtung finden hierbei die
Stadtvorstellungen der Charta von Athen, der Organischen
Stadtbaukunst, der Autogerechten Stadt, der Gegliederten und
aufgelockerten Stadt sowie die Idee der Urbanität durch Dichte.
Besonderes
Augenmerk gilt der Frage nach der Problematik der geistigen
Planungsgrundlagen: inwiefern kann man von ihnen überhaupt
erwarten, dem hohen Anspruch gerecht zu werden, mit dem die Schöpfer
der Trabantenstadt angetreten waren, und inwiefern stehen sie dem
Gelingen der Unternehmung vielleicht sogar entgegen? Die Ergebnisse
dieser Untersuchung sind als eine vorläufige These formuliert, die
im dritten und letzten Teil empirisch überprüft wird; anhand einer
analytischen Beschreibung der in den 1960er-Jahren entstandenen
ersten drei Bauabschnitte Neuperlachs kann die Umsetzung der
Konzeptionsprämissen ebenso nachgezeichnet werden wie der Einfluß
der untersuchten Städtebauideologien. Das seit 1968 projektierte
Zentrum der Trabantenstadt markiert schließlich Höhepunkt und
Endpunkt des ursprünglichen Planungsgedankens und setzt den Schlußstein
sowohl der ersten Bauphase Neuperlachs wie auch der Arbeit. Es kann
nun die Summe gezogen werden: Sind die Ziele von einst erreicht –
oder ist der große Wurf gescheitert? Und welches sind die Gründe,
sowohl in die eine wie in die andere Richtung?



These
und Ergebnisse
Neuperlach
steht an einem Wendepunkt im Städtebau. Es ist das Kind einer
Umbruchzeit, in der sich alte und neue urbanistische Leitbilder
gegenüberstehen. Dabei waren vor allem die noch immer wirksamen
Ideologien der 1940er- und 50er-Jahre gerade aus der Opposition zur
traditionellen Stadt heraus konzipiert worden. Besonders trifft dies
auf die organizistischen Leitbilder der organischen Stadt (1948) und
der gegliederten und aufgelockerten Stadt (1957) zu, die der
„Vermassung“ der modernen Stadt die „Entballung“, der
„Entartung des Lebens“ die Natürlichkeit der
„Stadtlandschaft“ entgegenstellen wollten. Auch das
funktionalistische Konzept der Charta von Athen (1933) propagierte,
wenn nicht keine, so doch eine ganz andere Stadt als die bekannte
und bezog ihre Legitimation aus der behaupteten „Krankheit“ der
Stadt der Gegenwart.
Gegen
die ideologischen Grundlagen dieser älteren Leitbilder formierte
sich Mitte der 1960er-Jahre erheblicher Widerstand von Seiten
derjenigen Kritiker und Stadtplaner, die den Wert gerade der großstädtischen
Lebensform wiederentdeckten. „Urbanität durch Dichte“ wurde zum
Schlagwort und zur Forderung eines modernen Städtebaus. Zwar
entsprachen die Planungen Neuperlachs in ihrer prinzipiellen
Bejahung des Städtischen bereits seit 1961 diesen Vorstellungen –
zu einem Zeitpunkt, als sie noch kaum formuliert, geschweige denn
allgemein akzeptiert waren. Doch fehlte diesem in der Praxis noch völlig
unerprobten urbanen Stadtgedanken jegliches neue städtebauliche
Instrumentarium. In dieses Vakuum konnten die organizistischen, zum
Teil auch die funktionalistischen Leitbilder vorstoßen, die über
ein vollständig ausgearbeitetes Programm an städtebaulichen Lösungen
verfügten; ihre Strukturvorstellungen und die mit ihnen verbundenen
gestalterischen Prämissen schoben sich in die Zwischenräume, die
das Konzept der ‚urbanen Stadt‘ offenließ.



Dieses
Phänomen läßt sich an der Konzeption Neuperlachs beispielhaft
nachvollziehen. Mit ‚Groß-Perlach‘ – so der erste Arbeitstitel des
Projektes zu Beginn der 1960er-Jahre – sollte die erste von
insgesamt drei ‚Entlastungsstädten‘ an der Münchner Peripherie
nach den Vorstellungen des sogenannten Jensen-Planes von 1963
realisiert werden. Dieser erste Münchner Stadtentwicklungsplan
formulierte die grundlegenden Ordnungsvorstellungen für die
strukturelle und funktionale Gliederung Münchens; sein Rückgrat
bildete die Vision einer polyzentrischen, aber hierarchisch am
Hauptzentrum ausgerichteten Expansion der Stadt entlang des radialen
Nahverkehrsnetzes. Mit der Vorgabe einer räumlichen Verdichtung
orientierte man sich zwar an einer wesentlichen Forderung des
Urbanitätsgedankens, der die ältere Entballungsromantik
entschieden verwarf. Gleichzeitig läßt sich aber zeigen, daß mit
den Prämissen der strikten Verkehrstrennung, der kleinteiligen
Durchgrünung und der konsequenten Stadtgliederung einige der
problematischsten Konzepte der organizistischen Leitbilder nach wie
vor wirksam waren; bei genauerem Hinsehen entpuppt sich selbst das
Bekenntnis zur stärkeren Mischung städtischer Funktionen als ein
Lippenbekenntnis, hinter dem sich recht genau die
funktionalistischen Ideen der Charta von Athen verbargen.
Aufgrund
der Tatsache, daß der Stadtentwicklungsplan von 1963 und der
Strukturplan für Neuperlach sowohl zeitlich als auch personell
parallel entwickelt wurden, ist Münchens erste (und letztlich
einzige) Trabantenstadt ein getreues Abbild der im übergeordneten
Rahmen festgelegten städtebaulichen Vorstellungen. Indem sich die
Schöpfer Neuperlachs wie die des Stadtentwicklungsplanes aus dem
Werkzeugkasten anti-urbaner Versatzstücke bedienten, mußten sich
zwangsläufig auch die Ideologien der Vergangenheit in die Zukunft
verlängern. Die unreflektierte Präsenz städtebaulicher Mittel,
die das instrumentell kaum neu unterfütterte Bekenntnis zur Stadt
von Beginn an aushöhlten, der Versuch, mit einem alten Vokabular
eine neue Sprache zu sprechen – dies ist der Konflikt, an dem das
Projekt Neuperlach schließlich scheiterte. Gescheitert waren damit
auch die strukturellen Zielbestimmungen des Stadtentwicklungsplanes,
der – einst auf eine Geltungsdauer von 30 Jahren berechnet –
schon 1972 grundlegend revidiert wurde. Mit der genauen Analyse der
Konzeption Neuperlachs und ihrer steingewordenen Folgen ergibt sich
somit ein wichtiger Baustein für die Geschichte der Münchner
Stadtentwicklungsplanung, gleichzeitig aber auch eine exemplarische
Aufarbeitung der Utopien – und der Realität – des
bundesdeutschen Städtebaus in den 1960er-Jahren.
 
 Volltext der Arbeit:
 Exposé:



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